In Zahnmedizin & Zahnheilkunde

Wir schreiben das Jahr 1815. Der amerikanische Zahnarzt Levi Spear Parmly hat eine Idee, die noch heute Bestand hat und weltweit Verwendung findet. Er reinigte die Zähne seiner Patienten mit Fäden aus Seide – und erfand so die Zahnseide. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts sicherte sich dann die Firma „Johnson and Johnson“ das Patent auf dieses einfache und überaus effektive Hilfsmittel zur Zahnhygiene. Und regelmäßiges „Flossen“ ist in den USA auch heute noch stark angesagt!

Zahnbürste allein reicht nicht aus

Mit einer normalen Zahnbürste – egal ob elektrisch oder per Hand – werden aus anatomischen Gründen maximal etwa 70 Prozent der Zahnoberfläche gereinigt, der Rest bleibt einfach schmutzig. Deshalb ist es für eine komplette Säuberung der Zähne unabdingbar, zu weiteren Tools zu greifen. Im Laufe des vergangenen Jahrhunderts haben sich viele kleine Putz-Helfer weiterentwickelt oder sind neu erfunden worden. Während die Zahnhölzchen bereits bei frühen Naturvölkern nachgewiesen wurden, ist beispielsweise die Munddusche ein Produkt der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts. Eine wichtige Erfindung sind auch die Zahnzwischenraum- oder Interdentalbürstchen, die eine effektive Reinigung der Zahnzwischenräume ermöglichen.

Die Zahnseide gibt es mittlerweile in vielen verschiedenen Formen, Größen, Farben und Geschmacksrichtungen. Der allerwichtigste Punkt bei der Auswahl von Zahnseide ist jedoch: Verwende ich überhaupt Zahnseide oder nicht! Darüber hinaus ist eine weitere Verbesserung der Hygiene nur noch marginal – gewachste Zahnseide ist einfacher zu handhaben als ungewachste, reinigt jedoch etwas schlechter, fluoridierte Zahnpasta soll den Zahnschmelz härten, aufgeflauschte Fäden sind für größere Zahnzwischenräume geeigneter als ganz dünne, schwarze Zahnseide ist einfach cool, u.s.w.!

Kontaktpunkt und Interdentalraum – zwei Problemstellen liegen eng beieinander

Die Form und Stellung unserer Zähne sorgen – nicht nur bei schief stehenden Kauleisten – immer für schwer zu erreichende Schmutznischen und Zahnflächen. Der Berührungspunkt der Zähne ist beispielsweise ausschließlich mit Zahnseide zu säubern – entgegen der üblichen Vorstellung von Karius und Baktus beginnen nämlich viele Löcher nicht auf der Kaufläche, sondern genau an diesen sogenannten Kontaktpunkten. Da diese Flächen von außen quasi unsichtbar sind, sollten sie regelmäßig mit einem Röntgenbild vom Zahnarzt kontrolliert werden (Bissflügel-Aufnahme). Direkt unter diesem Kontaktpunkt beginnt schon der nächste Problembereich – der eigentliche Zahnzwischenraum. An dieser Stelle führt zurückgelassene Plaque eher weniger zu „Löchern“, vielmehr verursacht der bakterielle Rasen eine Entzündung des Zahnfleisches, die im Laufe von Jahren chronisch werden kann und die Ursache für den gefürchteten Knochenabbau – die Parodontitis – darstellt. Tägliche häusliche Pflege dieser Bereiche nicht nur mit Zahnseide, sondern auch mit Zahnzwischenraumbürstchen sowie regelmäßige professionelle Zahnreinigungen beim Zahnarzt können eine Parodontitis wirksam vermeiden und im späteren Stadium nach entsprechender Vorbehandlung auch wieder stoppen. Es ist jedoch noch nicht möglich, einmal verlorenen Knochen wieder zurückzugewinnen.

1,5 Meter statt 180 Meter – Deutsche sind Zahnseide-Muffel

Der durchschnittliche Deutsche verbraucht pro Jahr nur 1,5 Meter Zahnseide – das reicht bei normaler Anwendung für etwa 3 Tage! Bei täglicher Anwendung müsste der Verbrauch über 100-mal höher liegen! Die Diskrepanz wird vielleicht mit einem Beispiel deutlicher: statt täglich zu duschen nutzen wir die Brause nur je einmal im Februar, einmal im Juli und einmal im November! Klingt irgendwie eklig – und ist deutscher Durchschnitt bei der Zahnzwischenraumpflege!

Bei Wikipedia findet sich noch diese beachtliche Geschichte: Im März 2009 wurde bekannt, dass Wissenschaftler rund 50 Makaken in der Nähe der thailändischen Hauptstadt Bangkok beobachtet hatten, die mit Hilfe menschlicher Haare wie mit Zahnseide ihre Zahnzwischenräume reinigen. Dieses Ritual wird auch an die Jungtiere weitergegeben, indem die Mütter die Zahnreinigung dann besonders gründlich und anschaulich durchführen, wenn ihnen die Jungtiere dabei zuschauen.

© Dr. Ron Tehsmer von CityZahn.de aus Hamburg